Nahum sieht auf Anna, die ihm einen Teller Suppe auf den Tisch stellt. „Danke meine Liebe“, sagt er, während er mit seiner Hand ihre greift und kurz drückt. Anna sieht ihn an: „Ein harter Tag, mein Setzling?“. Nahum nickt schmunzelt, wegen dem Spitznamen, den nur sie verwenden darf: „Ja, der Deichvogt hat neue Bäume für die Reparatur des Deiches heran geschafft und wir mussten sie zurecht schneiden, damit sie zur nächsten Ebbe eingesetzt werden können.“ Anna merkt, dass ihr Mann von etwas bedrückt ist: „Was ist passiert, Nahum?“. Sie setzt sich neben ihn auf einen Stuhl und umschließt die Hand des riesigen Zweimetermannes mit ihren beiden Händen. Nahum atmet tief ein, auf seine dampfende Suppe starrend, bevor er antwortet: „Es waren Seebäume, Anna, er hat sie schlagen und treideln lassen! Ich habe ihn gefragt ob er verrückt wäre, den Pakt zu brechen, aber er lachte nur und sagte er habe vor Gespenstern keine Angst“.

Plötzlich hebt Anna den Kopf, den Blick ins Dunkel gerichtet, die Hand von Nahum drückend. Er sieht ihr ins Gesicht und weiß, dass die Gabe über ihr liegt. Annas Blick klärt sich langsam und sie sieht zu ihrem Mann, “Schnell Nahum! Speer! Schild! Sie sind da!”. Es liegt soviel Nachdruck in ihrer Stimme, dass Nahum nicht nachfragt, er kennt sie in diesen Phasen. Oft ist das zweite Gesicht seiner Ehefrau undeutlich und wage, aber nicht, wenn sie so spricht wie jetzt. Und da ist noch mehr. Immer ist Anna beruhigt, wenn die Gabe von ihr weicht, denn sie kann zwar selten Unheil ganz abwenden, aber zumindest mildern, denn das Schicksal lässt sich nicht durch die Gabe überlisten, nur ein wenig korrigieren. Jetzt liegt zum erste Mal seit er sie kennt Angst in ihrem Ton. Diese Angst ist es, die Nahum an seinen Wehrständer, einem Holzständer für seine Waffen und Rüstung, springen lässt, um den ledernen Körperpanzer über zu werfen, die Schnallen sind in Sekunden an seiner kräftigen Seite zugezogen. Als er sich umwendet, reicht Anna ihm seinen Kriegsspeer und Schild. Er greift beide, schlüpft in die Schlaufen des Schildes, doch den Speer lässt Anna nicht los. Nahum blickt sie an, aber sie sagt bereits mit fester Stimme: “Nahum, du gehst nicht auf den Deich, hörst du mich? Du wirst dich nicht nicht von unserem Haus entfernen und wirst deinen Speer nur werfen, wenn du angegriffen wirst!”. Er ist verwirrt, blickt sie fragend an, ruckelt an seinem Speer, dass sie ihn loslassen solle, aber sie beharrt: “Hast Du mich verstanden, Nahum?”. Dieser Ton in ihrer Stimme, diese Mischung aus Angst, Liebe und Eiseskälte. Er nickt, verstehend, das zweite Gesicht, sie weiß mehr, doch sie kann die Ahnung nicht in Worte fassen.

Glocken, erst eine, dann viele. Deichglocken. Nahum fährt zusammen und sagt ungläubig: “Deichbruch? Jetzt? Es ist ablaufendes Wasser, der Deich ist nur zu einem Fünftel mit Wasser bedeckt, dass kann nicht sein!”, er wendet sich zur Tür. “KEIN DEICHBRUCH! Nahum!”, Anna ist laut und bestimmt, “Sie sind hier! Die Seebäume! Verstehst Du nicht? Das Réhtfólk holt sich die Seelen der Bäume zurück! GEH NICHT AUF DEN DEICH!”. Nahum blickt wie versteinert über seine rechte Schulter zu seiner Ehefrau: “Ich liebe Dich!”, seine Stimme zittert, er raunt es fast, seine Stimme versagend. Anna sieht ihn nur an, mit Tränen in den Augen an. Die Starre fällt von Nahum und er öffnet die Tür und tritt hinaus. Draußen hört er, wie die Deichglocken um Schwertspitze nacheinander verstummen. Nur noch Deichglocken entlang des Deiches, Kilometer entfernt, die den Ruf aus Schwertspitze über einen Deichbruch aufgenommen hatten, läuten noch.

Jetzt hört Nahum auch aus den anderen Häusern Weckrufe. Er sieht zum Majoresdeich und kann nur eine Wand aus Nebel erkennen, dick wie Rauch, die sich über die Deichkrone schiebt. Die kräftigen Tran-Laternen der Deichposten, besetzt durch jeweils zwei Deichwachen, die selbst im dicksten Nebel als Schein zu erkennen zu sein sollten, sind nicht auszumachen. Er sieht, wie die Wache, bestehend aus Soldaten des Kaisers, laut rufend aus der Garnison ausrückt und in Richtung des Deiches läuft. Nahum dreht den Blick zurück zum Deich, die Worte von Anna abwägend, nicht den Deich zu betreten. Dann erblickt er, was kein Mensch seit über siebenhundert Jahren mehr gesehen hat, eine Kriegsformation des Réhtfólk, gekleidet in graues Tuch, aus den Schwaden des Nebels treten, gehüllt in Kraft und Selbstsicherheit, die Klingen wasserglitzernd.

Nahum sieht auf den Anführer der kleinen Schar und weiß sofort, dass er einen geübten Krieger erblicken muss. Zu viele Geschichten und Balladen hatte er sich von den Barden angehört, über die Kriegsprinzen des Réhtfólk, die immer ihren Leuten voran gehen und auch niemals zurückweichen. Kindergeschichten, bis heute. “Was hat er nur getan, dieser kaiserliche Dummkopf…?”. Kaum ausgesprochen, da schießen die kaiserlichen Soldaten aus der Garnison vom Wachturm eine Pfeilsalve auf die Ankömmlinge.