Hoch aufragend, majestätisch, so hatte Chabana sich stets die Mauern von Bitunkalen vorgestellt, der Heimatstadt ihrer Mutter. Jetzt steht sie endlich vor den Haupttoren der Stadt. Es ist die hohe Nachtstunde, wie die Kyndebál den Moment nennen, wenn der einsame Mond am höchstem am Himmel steht. Sie trägt stolz ihr Feuerkleid, dessen hellrote Farbe ihre Abstammung als eine Tochter einer Ersten Mutter, der Anführerin eines Ahnenhauses, offenbart und welches selbst bei Mondlicht ihre Silhouette noch deutlich hevorhebt. Sie sieht über das alte Mauerwerk, welches die Eldfjall vor so langen Zeitaltern aus dem Rückgrat des Landes geschnitten, und zu diesen Mauern geformt hatten, und sie ist enttäuscht. Was eindrucksvoll hätte sein sollen scheint nur verwitterte Geschichte.

„Es ist niemand auf den Zinnen, keine Wache, kein Schildwehr!“, raunt Maquiar. Chabana zieht die Kapuze des Feuerkleides von ihrem Haupt mit den kurz gebundenem, schwarzen Haaren. Sie richtet ihre großen Augen über die Schulter sehend auf Maquiar, dem fünfzehnten ihrer Leibwehr. Seine große Gestalt verdeckt für die viel kleinere Chabana das Sternbild des Löwen. Sie lächelt, als sie dieses passende Zeichen deutet, und hebt eine Augenbraue: „Also willst du die Zinnen erklimmen, die Stadt im Sturm nehmen, Maquiar?“, sie lässt ihren Blick schnell über die kleine Schar ihrer persönlichen Schildwehr schweifen. „Tochter, so war das nicht…“, sie hebt die Hand und bittet so Maquiar zu schweigen. „Auch ich habe die kalten Schmieden gesehen Maquiar, die nicht bestellten Felder, die Leere des Tals!“, antwortet sie mit gedrückter Stimme.

Chabana dreht sich von den Wällen fort nach Süden und blickt vorbei an ihren Begleitern. Klug war die Gründung von Bitunkalen gewesen. Auf einer Anhöhe am Nordende eines langen Tales ist die Stadt gelegen. Das Tal wird an drei Seiten von steilen Granitwänden des Berges Hoheit eingerahmt. Der Stadtwall vor dem die kleine Schar steht erstreckt sich von Steilwand zu Steilwand, einen Angriff nur aus dem Süden ermöglichend. Chabana schließt die Augen und lässt den kräftigen Talwind über ihr Gesicht streifen, welcher von jeher aus Süden nach Norden in Richtung Bitunkalen weht. Dieser stetige Hauch des Windes macht die Stadt sogar vor Angriffen aus der Luft nahezu unverletzlich, da die Luft über der Stadt in Böen und Sturzwinden gegen die Klippen und Vorsprünge der Steilwände gewirbelt wird. Nur ein Drache könnte wohl diesen Winden trotzen.

Chabana muss sich zwingen, die Augen zu öffnen. Sie erlaubt den Tränen der Enttäuschung keinen Weg, als sie über das dunkle verwitterte Tal sieht, sich der Blicke ihrer Schildwehr bewusst. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Begleiter und mustert jeden von ihnen kurz. Alle sind seit Jahren, Maquiar sogar seit ihrer Jugend, ihre Schildwehr. ‚So viele Kämpfe, soviel Planung, nur für diesen Moment, und alles vergebens?‘, denkt sich Chabana mit einem Knoten in ihrem Hals. Sie überlegt kurz, ihrer Schildwehr das Fortfahren frei zu stellen. Sie haben einen Triumph erwartet, nicht diesen Albtraum.

„Wir bleiben, bis auch Du umkehrst, Tochter!“, nimmt Maquiar die Antwort auf die unausgesprochene Frage vorweg. Die Fünfzehn nehmen ohne ein weiteres Wort in Eile die traditionelle Ehrenformation ein. Die Speerkämpfer binden die Fahnen von Haus Südwind an ihre Speere. Der Kampfeseifer kommt über Chabana und sie weckt ihre persönlichen Schutzbanne, welche in ihr Feuerkleid durch Magie und Stickerei gewoben sind, durch eine kurze Zauberformel. „Osthex, Tiphor!“, spricht sie den Bannwirker und Flammensänger ihrer Schildwehr an, „formale Schutzbanne, aber wir wollen auch auf Überraschungen vorbereitet sein!“. Leise erklingen die gesungenen Formeln des Bannwirkers und die Anrufungen des Feuersängers. Chabana stellt sich an die Spitze der Ehrenformation ihrer Schildwehr. Sie zieht ihre Kapuze wieder über ihr Haupt und legt die Hände an ihre Seiten.

Die großen Tore beginnen zuerst in ihren Angeln zu zittern, um sich dann langsam und knarrend zu öffnen, als die erste Tochter von Haus Südstern die rituellen Formeln spricht, die die Rückkehr Ihres Hauses nach genau siebenhundertsiebenundsiebzig Sonnenläufen nach Bitunkalen, der Kriegsfeste der Kyndebál, ankündigt.